Glaubt ihr 2020 wäre vorbei?

Dirk Baecker, Armin Nassehi und Rudolf Stichweh unterwegs 

Solange 2021 nicht zeigt, was es kann, bleib ich bei 2020. 

Wahrscheinlich wird 2021 nur als Appendix von 2020 in die Geschichte eingehen.  Lasst uns trotzdem optimistisch sein und darauf vertrauen, dass die simple Kausalkette – Lockdown rauf und runter, bis die Impfung greift – nicht noch andere Tiefen freilegt.

Und wir werden zugeben müssen – ohne es aussprechen zu dürfen – wir haben nicht alles im Griff und es wird eine viel größere Zahl von Menschen sterben als in früheren Jahren, an oder mit Corona. 

Dirk Baecker wies in einem Gespräch, das am 01. Januar 2021 als Podcast gesendet wurde (1),  darauf hin, wie sehr gerade im Osten Deutschlands  Bildung fehle, eine Voraussetzung dafür, dass die Menschen den Einschätzungen der Wissenschaften folgen und vertrauen können. 

Die „Aufklärung“ sei gescheitert, meint er, schauen wir auf jene Gruppen – er darf sie nicht als Wähler der AfD  diskriminieren – die die wissenschaftliche Tatsache der Pandemie weder sehen können, noch wollen.

Und er hob hervor, wie wir an der Kunst – im Gegensatz zur Kultur – lernen können, Wahrnehmungsirritationen auszuhalten, Urteile offen zu halten und eine Haltung zu erlangen, durch die die Ergebnisse der Wissenschaft eingeschätzt werden können. 

Aber wer schaut sich schon ernsthaft Kunst an und macht sich über deren Schein oder Sein Gedanken? 

Wir Künstler fühlen uns geehrt, wenn immer wieder anerkannte Professoren der Philosophie, Soziologie usw. sich der bedeutenden Aufgabe vergewissern, die Kunst für die Gesellschaft hat. 

Ich bitten die Herrschaften dann aber auch, aus der Kunst zu lernen.

Schauen Sie sich Dirk Baecker an, wie er sich kleidet, wie brav und adrett er die Rolle des Welterklärers in der FAZ, der NZZ, in Podcasts und auf Kongressen spielt.

Er tritt wie ein Oberprimaner auf, kleidet sich wie sein eigener Versicherungsvertreter oder Chauffeur und verfügt über eine Ausdrucksskala von freundlich-nett bis ernst, eingeübt mit professoral-jovialer Geste. 

Hat der Mann etwas von Künstlern und deren Auftritten gelernt? 

Endet die Kenntnis von Soziologen dort, wo die Einsicht in ihre soziale Rolle beginnt? Bedienen sie nur die eindimensionalen Erwartungen von uns Bildungsbürgern?  

Führen sie doch mit sauber gebügeltem Hemd, leger ohne Krawatte, im intellektuellen Urnenschwarz, oder sommerlich im Leinenseiden-Sakko, ohne Frisur und mit Brille, dem Gesicht eines nie alternden Pubertierenden, das akademisch ernste Stück „Prophetie“ auf. 

Stellen Sie sich vor, Dirk Baecker würde schallend lachend, seine Idee der „nächsten Gesellschaft“ aufführen und uns dabei verspotten, wie blöd wir seien, ihm solche Konstruktionen abzunehmen.

Dann erst würden mir seine Äußerungen zur Kunst glaubwürdig erscheinen!

Hat er verstanden, dass Künstler den Kunstbereich nicht brauchen, um Künstler zu sein, dass sie auch Schönheit nicht brauchen, um Künstler zu sein? 

Solange die Herrn Soziologen, Philosophen und Gehirnforscher von den Künstlern nicht lernen, die Erwartung der Welterklärung zu unterlaufen und sie nicht das Paradoxe ihrer Rolle medial vermitteln, bleibt ihr Gerede über Kunst Bildungsgeschwafel.

Erst wenn Wissenschaft wieder Kunst geworden ist und dieser Zusammenhang das akademische Leben zu durchdringen beginnt, dies dann auch medial vermittelt wird, kommt an den Schulen Bildung im Sinne von Persönlichkeitsbildung an! 

Armin Nassehi, der Pausenclown unter den bekannteren Luhmannianern hat zumindest so viel vom Zusammenhang Kunst – Wissenschaft verstanden, wie ein Deutscher TV Star, der am Vormittag den Bergdoktor, nachmittags den  

Unternehmer und abends den Mafiosi in immer gleicher Manier zu spielen weiß. (3)

Rudolf Stichweh würde mit seinem Aussehen und seiner betörenden Stimme alles für einen Superkasper mitbringen. Aber statt von der Rolle des Bilbo Beutlin zur Rolle des Golum zu wechseln, gibt er uns meist nur den weißen Gandalf  aus Tolkiens Roman „Herr der Ringe“. Ja er hat das Biedere, das Entschiedene des Welteroberers Bilbo Beutelin. Aber was hindert ihn daran dieser zu sein? Vielleicht ist die Zeit dafür noch nicht reif ?

Gerhard Polt besitzt mehr an sozialer Kompetenz als alle Luhmannianer zusammen und unter Kabarettisten sind Männer wie Frauen gleichwertig vertreten. 

Luhmannianer-Innen gibt es sehr wohl, werden aber scheinbar unterm Deckel gehalten und das lässt bezweifeln, ob Luhmann Anhänger überhaupt soziale Intelligenz besitzen?

„Wir können uns doch nicht vor aller Welt zum Narren machen, wir sind doch Professoren!“ höre ich die Pharisäer schon schreien, flüstern, raunen und sehe die Angst in ihren Augen, ihre Existenz aufs Spiel zu setzen.

Jetzt aber Schluss mit Boulevard und Kollegenbashing! 

Welchen Einfluss wird Corona auf die Kunst nehmen? 

Die gegenwärtige Situation der Bildenden Kunst als Bild –

ergibt eine Ruine. 

Ein durch die Moderne zerstörter Bau, in dessen Umgebung die Künstler immer noch dabei sind, passende Bauteile zu suchen, nachzubauen und Zwischenstücke zu formen. 

Einige wollen das alte Gebäude wieder errichten. Wobei sich die Frage stellt, ob ein oder mehrere Gebäude, ein Fahrzeug, eine Rakete gebaut werden sollten. Oder geht es um das soziale Gebilde als Ganzes? 

Viele – besonders Vertreter aus dem Kunstbetrieb – sind der Meinung, es würde genügen, eine Säule, einige Stelen, und Hinweisschilder aufzustellen und auch Geldhähne zu betätigen.  

In den 60er, 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Bauteile erfunden, von denen angenommen wurde auf ihnen könnte der Neubau der Moderne wieder errichtet werden. Dass dabei nicht viel mehr als IKEA herauskam, hat seinen besonderen Ironie und Tragik.

Zur Zeit ergeben die Werke von Künstlerinnen ein neoklassizistisches Stückwerk, gebaut aus Restposten der Moderne. Von dem utopischen Bau sind die Karikaturen Jeff Koons und die Events a la Christo geblieben! 

Corona könnte hier eine Wende bringen. Es könnte wie die „Umwertung aller Werte“ wirken, macht uns dieses Naturereignis doch deutlich, dass utopische Konstruktionen gigantische Traumschlösser sind, sich aber als Weltbilder nicht eignen. 

Corona könnte uns Künstler und die Kunstvermittler hellhöriger machen für das, was ich ABBILD nennen möchte: das Abbild einer Tragikomödie, der keiner entgeht!  Aus der Einsicht, nicht wir konstruieren eine Welt, sondern wir erkennen uns selbst als absurde Konstruktionen an, die wir – völlig abgesondert von Tier, Pflanze, Felsen und Tautropfen – auch sind. 

Exkursion Luhmanniana

Wenn  Luhmannianer vom „re entry“ des menschlichen Körpers in das Soziale sprechen, wie in dem Interview (1), wird mir übel. 

Wahrscheinlich hat Luhmann den menschlichen Körper aus dem Sozialen ausgegrenzt, damit  

kiebige Schüler wie Dirk Baecker bedeutende Fragen stellen können, die sie immer auf die falschen Fährten führen wird. 

In der Systemtheorie kann der menschliche Körper nie das sein, was er in der Humanistischen Tradition war und ist (4).

GL

(1) Wie gehts – Kultur in Zeiten des Corona-Virus – Der Podcast

Ein Podcast des Instituts KMM an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg

Dirk Baecker – Universität Witten/Herdecke

Von Martin Zierold
1. Januar 2021

(2)Ich habe das Bild aus Frederico Fellinis Film 81/2 entnommen, der inmitten eines Nirgendwo eine riesige Konstruktion errichteten ließ, dieser Bau bestimmt den Film, der Zweck wird aber nie ganz deutlich. 

(3) https://luhmannsschwarzehefte.wordpress.com/2017/08/22/heft-xn-armin-nassehi-geclont-eine-satire/

(4) Der Preis der Theorie Niklas Luhmanns, das Soziale als eine eigene Entität fassen zu können, ist der Körper in seiner geistigen, psychischen und physiologischen  Einheit, d.h. in seiner Göttlichkeit, die ihrerseits in der Psychologie und Philosophie zu einem verstümmelten Ich verkommen ist. 

Die Taubheit des Humanismus – mit seinem universalen Ich  – gegenüber dem Sozialen, ist spiegelverkehrt die Ignoranz der Systemtheorie gegenüber der universalen Einheit von Körper, Geist und Seele! 

Eine Verbindung ist in der „Sozialen Plastik“ und dem „Erweiterten Kunstbegriff“ von Joseph Beuys gegeben, der ich mich verpflichtet fühle.  

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